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Können wir die menschenrechte entkolonialisieren?

"Wer definiert das Konzept der Menschenrechte?" fragt Stephen Hopgood. Die Antwort wird ein neuer Nord-Süd-Dialog geben, der auf den Fundamenten der dominanten eurozentrischen Geschichte aufbaut und das emanzipatorische Potential der Menschenrechtstradition urbar machen könnte. Spanisch, Portugiesisch, Englisch.

José-Manuel Barreto
26 September 2013

Stephen Hopgood hat recht, wenn er schreibt, dass die Wahrnehmung der Menschenrechte aus der Perspektive des globalen Nordens in der Krise steckt und wenn er eine “transnationale Art von Bewegung” fordert, welche die Menschenrechte neu konzipiert, wiederbelebt und sie in die Zeit der Globalisierung fortführt. Hopgood zufolge müssen die Menschenrechte in einer „post-westlichen Welt“ neu definiert werden.

Stephen Hopgood hat recht, wenn er schreibt, dass die Wahrnehmung der Menschenrechte aus der Perspektive des globalen Nordens in der Krise steckt und wenn er eine “transnationale Art von Bewegung” fordert, welche die Menschenrechte neu konzipiert, wiederbelebt und sie in die Zeit der Globalisierung fortführt. Hopgood zufolge müssen die Menschenrechte in einer „post-westlichen Welt“ neu definiert werden. Der Weg, den Hopgood hierfür vorschlägt, findet seine kongeniale Umsetzung in openGlobalRights, einem "mehrsprachigen Projekt, das anstrebt, Menschen aus Süd und Nord in einer Diskussion über die Zukunft der Menschenrechte zusammenzubringen“. Tatsächlich hält diese „neue Art von Debatte“ den Schlüssel für eine andere Konzeption der Menschenrechte, eine Konzeption, welche den Kampf um globale Gerechtigkeit befördert.

Das herkömmliche eurozentrische Verständnis von Menschenrechten lässt eine vollständige Geschichte der Menschenrechte nicht zu. Entstanden in bestimmten historischen Situationen wie der Französischen Revolution, vor dem Hintergrund der Gräuel des Zweiten Weltkrieges und in den zeitgenössischen Menschenrechtserklärungen als Meilensteinen, wurden Menschenrechte verkündet als Antwort auf Absolutismus und Totalitarismus. Hervorgegangen aus spezifischen historischen Umständen wurden Menschenrechte hauptsächlich als Schutzschilde gegen den Missbrauch von Individuen durch ihre eigenen Regierungen verstanden.

Konzepte sozialer und ökonomischer Rechte waren freilich Teil dieses westlichen Kanons. Obgleich sich diese Konzepte während des Kalten Krieges spalteten, führten sowohl Karl Marx‘ Kritik an individuellen Rechte als auch die sozialistische Tradition sozialer und ökonomischer Recht zu einer zeitgenössischen Definition der Menschenrechte, die sich der von Louis Henkin vorgeschlagenen annähert, „der 20. Jhd.-Synthese einer 18. Jhd.-These und einer 19. Jhd.-Antithese”. Die liberale und die sozialistische Tradition der Menschenrechte sind grundlegende politische und ethische Aktivposten aller Zivilisation, und müssen in den kommenden Jahrhunderten Wertschätzung finden und verteidigt werden.

Doch ist es möglich, Menschenrechte aus der Perspektive der Dritten Welt zu denken oder aus der Perspektive der Opfer jener fünf Jahrhunderte Kolonialismus, der von Imperien und transnationalen Handelsgesellschaften befördert wurde?

Das utopische Potential der Menschenrecht muss gestärkt und neu gedacht werden. Als Teil dieses Unternehmens ist es wichtig, den Gebrauch der Menschenrechte als Instrumente des Imperialismus zu delegitimieren: Von Francisco de Vitoria und Juan de Sepúlveda im 16. Jhd. zu George Bush und Tony Blair wurde die Rhetorik des Naturrechts und der Menschenrechte genutzt, um Kolonialkriege zu rechtfertigen. Darüber hinaus müssen wir das anti-imperiale und emanzipatorische Potential der Menschenrechte zurückerobern und eine Theorie ersinnen, welche Geschichte und Geographie des modernen Imperialismus und Neokolonialismus angemessen berücksichtigt.

Dies ist zu erreichen, indem die dominante eurozentrische Tradition der Menschenrechte ergänzt wird. Ein solcher Ansatz könnte die Geschichte der Menschenrechte neu schreiben, so dass sie einige außergewöhnliche Ereignisse mitberücksichtigt: den Widerstand gegen die Eroberung der beiden Amerikas im 16. und 17. Jhd.; die Unabhängigkeit, welche die Kolonien in ganz Amerika später gewannen; der Kampf gegen die Sklaverei; die Revolutionen in Haiti und Mexiko; die Entkolonialisierung Afrikas, Asiens, der Karibik und des Mittleren Ostens im 20. Jhd.; die Bürgerrechts- und Antiapartheidsbewegungen; die Kämpfe gegen rechte und linke Diktaturen und totalitäre Regime in Lateinamerika und im kommunistischen Europa in den 1980er Jahren; zu guter Letzt die Entstehung indigener Gruppen, sozialer Bewegungen und ganzer Völker, die heute im globalen Süden gegen Missstände und Zerstörung ankämpfen, welche aktuelle Staaten, Imperien, transnationale Unternehmen und internationale Finanzinstitutionen bewirken.

Vergleichbar wichtig ist es zu zeigen, dass auch außerhalb des Westens eine intellektuelle Tradition des Widerstandes gegen Imperialismus und die Staatsgewalt existiert, für die Naturrecht und Menschenrechte zentral ist. Dieser alternative Kanon umfasst Werke von Personen wie Bartolomé de las Casas, Antonio de Vieira, Guamán Poma, Otobah Qugoano, Toussaint L’Ouverture, Sojourner Truth, WEB du Bois, Gandhi, Martin Luther King, dem Dalai Lama, Nelson Mandela, Rigoberta Menchú und Upendra Baxi. All diese ausgesparten historischen Ereignisse und marginalisierten Denker sollten einen prominenten Platz erhalten neben den Ereignissen und Denkern der dominanten, jedoch unvollständigen eurozentrischen Geschichte und Theorie der Menschenrechte.

Wir müssen die Menschenrechte neu denken und entkolonialisieren, um den Herausforderungen der Globalisierung und des Neokolonialismus zu begegnen. Ein Weg nach vorn ist es, die Mainstream-Menschenrechtstheorie als eurozentrisch zu werten und eine komplexere Theorie zu entwerfen mittels eines kritischen Dialogs zwischen eurozentrischen und Drittwelt-Perspektiven, ein Weg, der die längst bestehenden Dialoge zwischen den südlichen Perspektiven begleitet.

 

Übersetzung aus dem Englischen von Anna Katharina Mangold

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